Inge Brandenburg wurde am 18. Februar 1929 in Leipzig geboren und verbrachte ihre Kindheit in ärmlichen Verhältnissen.

Streit, Gewalt und Alkohol bestimmten den Alltag. Elternliebe erfuhr sie nicht.

„Wenn Vati betrunken nach Hause kam, schlug er Mutti. Sie schlugen sich aber auch, wenn Vati nüchtern war. Es war entsetzlich und ich wusste nie, um wen ich mehr Angst haben oder zu wem ich halten sollte.“

Inges Vater war Kommunist und Kriegsdienstverweigerer und somit in den Augen der Nazis ein „Parasit“ und „Volksschädling“. Inge sah mit an, wie er von der Gestapo zusammengeschlagen, abgeführt und interniert wurde.

1941 beging er – einem zweifelhaften Eintrag im Totenbuch des KZs Mauthausen zufolge – Selbstmord, indem er in den elektrischen Stacheldrahtzaun des Konzentrationslagers Mauthausen lief.

„In dieser Zeit hat meine Mutter schwer gearbeitet und ich musste mich um meine beiden jüngeren Schwestern kümmern. Meine Mutter arbeitete damals in einer Kohlenhandlung. Sie kutschierte den Kohlenwagen und trug den Leuten die zentnerschweren Säcke in die Keller, wo sie dann auch noch die Kohlen schichtete. Ich schämte mich furchtbar vor meinen Klassenkameraden, weil meine Mutter solche Drecksarbeit verrichtete. Wenn ich von der Schule heimging, begegnete sie mir manchmal mit dem Pferdewagen und winkte mir zu mit ihrem schwarzen Gesicht. Waren Kinder aus der Schule dabei, drehte ich mich schnell weg, denn ich befürchtete, die Kinder würden mich ihretwegen hänseln. Zuhause weinte ich manchmal, weil sie so schwer arbeiten musste.“

Inges Mutter wurde wegen „staatsfeindlicher Äußerungen“ ebenfalls verhaftet und starb unter ungeklärten Umständen auf dem Transport zum KZ Ravensbrück.

Die fünf Geschwister wurden voneinander getrennt und in „Heimen für schwererziehbare Kinder“ untergebracht. Dort wurden auch Zwangssterilisationen durchgeführt. Die Kinder galten als „entartet“ und die Mediziner waren der Ansicht, dass sich Kriminalität vererben ließe und sie deshalb „auszumerzen“ sei.

„1941 kam ich nach Bernburg in ein geschlossenes Heim. Zuerst versuchte ich ein paar Mal wegzulaufen, doch dann gab ich es auf. Im Heim hieß es bei jeder Kleinigkeit: ‚Verbrecherkinder!‘ Oder: ‚Aus der wird nie was!‘ ‚Kein Wunder bei diesen Eltern!‘ Ich zog mich oft in eine Ecke zurück und las oder ich schlich mich auf den Spielplatz, wo es Schwalbennester gab. Ich wollte die jungen Schwalben streicheln. Wenn diese dann aus den Nestern flogen, war ich ganz unglücklich. Ich wollte doch nur zärtlich sein. Dann passierte die Sache mit den Äpfeln. Ich wurde wochenlang geprügelt, bis ich gestand, sie gestohlen zu haben, obwohl ich es gar nicht war. Das habe ich nie verwunden. Noch heute werde ich unsicher, wenn ich den Eindruck habe, man glaubt mir nicht. Die einzige Liebe, die ich in meiner Jugend empfangen habe, war die kühlende Hand einer Nonne, die mich streichelte, als ich an Diphtherie erkrankt war.“

Unmittelbar nach dem Ende des Krieges gelang Inge in einer gefährlichen Nacht- und Nebelaktion die Flucht über die Grüne Grenze in den amerikanischen Sektor nach Hof. Dort wurde sie von der Polizei aufgelesen, sie war halb nackt, ihr geblümtes Konfirmationskleid verschwunden. Betrunkene GIs hatten es ihr vom Leib gerissen und sie vergewaltigt. Da sie keine Papiere hatte, steckte man sie für ein halbes Jahr wegen Herumtreiberei ins Gefängnis. Danach führte sie der Weg weiter nach Augsburg.

„In einer Bäckerei arbeitete ich dann für fünfundzwanzig Mark im Monat. Und das Familienklavier durfte ich auch benutzen. Die musikalischen Bäckersleute vermittelten mir sogar einen Klavierlehrer. Dem musste ich von meinen 25 Mark gleich 20 für Klavierstunden geben. Aber ich wurde ein anderer Mensch. Endlich hatte ich ein Ziel vor Augen.“

Ihre große Liebe galt schon immer der Musik. Ihr Lieblingssender war der AFN und ihre bevorzugten Interpreten waren Peggy Lee, Judy Garland und Frank Sinatra. Als eines Tages in einer Annonce der Augsburger Tageszeitung ein Tanzorchester eine gutaussehende Sängerin mit tiefer Stimme suchte, bewarb sie sich. Von Februar 1950 an tingelte sie für 170 DM Monatsgage durch deutsche Nachtlokale.

Ob Swing, Cool Jazz, Blues, Hillbilly oder Schlager – Inge Brandenburg sang sich durch die 50er Jahre, ohne dass ein größeres Publikum von ihr Notiz nahm. Den Wendepunkt ihrer Karriere leitete jedoch im gleichen Jahr ein Engagement in Schweden ein. Ein Agent, der auf Inge Brandenburg aufmerksam geworden war, verpflichtete sie für ein vierwöchiges Gastspiel. Sie war dort so erfolgreich, dass dem Engagement weitere folgten und aus den ursprünglich angedachten vier Wochen acht Monate wurden. In dieser Zeit arbeitete sie mit den Größen der schwedischen Jazzszene zusammen. Das skandinavische Land galt neben Frankreich in den 50er Jahren als die europäische Jazzhochburg. Mit gestärktem Selbstvertrauen, aber mit gemischten Gefühlen, kehrte sie im Frühjahr 1958 nach Frankfurt zurück.

„Der Gedanke, nach diesem Erfolg in Schweden nach Hause zu fahren und wieder in Anonymität zu leben, war für mich furchtbar und trieb mich fast an den Rand der Verzweiflung. So kam es, dass ich eines Tages in Carlo Bohländers legendärem Frankfurter ‚Domicile du Jazz‘ saß und ein Gläschen zu viel trank. Das gab mir Mut und ich sagte zu einem Pianisten: ‚Komm, begleite mich mal, jetzt werde ich beweisen, dass ich singen kann.‘ Einige fingen an zu kichern, doch als ich die ersten paar Takte gesungen hatte, waren alle still. Zwei Tage später sagte man mir: ‚Du trittst beim Jazzfestival auf!‘ Es gab kein Zurück mehr.“

Dieser Auftritt machte sie über Nacht zum Star, zur deutschen Jazzsängerin Nr. 1. Das Publikum war begeistert von ihrer Fähigkeit, Balladen wie „Lover Man“ zu dichten, ergreifenden Momente werden zu lassen. Die Kritiken überschlugen sich mit Lob und Deutschlands Jazzpapst Joachim-Ernst Berendt schieb:

„Sie singt mit unwahrscheinlichem Feeling. Ihr Gesang ist von einer Intensität, in der eine ganze Welt zu schwingen scheint. Und vor allem: Sie singt nicht wie June Christy, sie singt wie Inge Brandenburg. Endlich hat der deutsche Jazz seine Stimme!“

„1958 wurde ich ‚entdeckt‘. Man feierte mich. Und ich dachte: Hoffentlich leben die ‚Tanten‘ aus den Heimen noch! Ich glaubte, dass hiermit eine große Stunde angebrochen sei, doch ich sollte mich irren.“

Ein paar Monate später bekam Inge Brandenburg auf dem im südfranzösischen Juan-les-Pins stattfindenden Jazzfestival den Titel der ‚Besten Jazzsängerin Europas‘ verliehen. Kurz danach siegte sie mit dem deutschen Team beim Festival im belgischen Knokke. Es folgten erfolgreiche Gastspiele sowie Funk und Fernsehen im In- und Ausland. Bis Ende der 60er Jahre führten sie zahlreiche Tourneen bis nach Jugoslawien, Marokko, Libyen und Lappland. Begleitet wurde sie von international bekannten Ensembles wie denen von Albert Mangelsdorff, Kurt Edelhagen, Klaus Doldinger, Max Greger und Ted Heath.

1960 erhielt sie Angebote der Plattenindustrie. Die Teldec nahm Inge Brandenburg unter Vertrag. Ihr ausdrücklicher Wunsch war es, Jazz- und Chanson-Titel aufzunehmen. Sie erreichte, dass man ihr dies vertraglich zusicherte. Allerdings hatte sie sich im Ausgleich auch für Schlager-Titel bereit zu halten. Höhepunkt des Jahres waren die besten Jazz-Aufnahmen ihrer Schallplattenkarriere: „All Of Me“, „Lover Man“, „Don’t Take Your Love“, „There’ll Never Be Another You“, „Pennies From Heaven“.

Das Time Magazin pries sie als neue Billie Holiday und man überlegte, wie man sie in den USA präsentieren konnte. Die Teldec legte ihr einen unterschriftsreifen Optionsvertrag für die weitere Zusammenarbeit vor, doch nach langem Hin und Her entschied sie sich zu keiner weiteren Vertragsverlängerung. Ihre Plattenkarriere entwickelte sich zu einem Jahre andauernden Ärgernis. Sie wollte nicht einsehen, dass man sie inzwischen als Schlagersängerin auf die leichte Muse reduziert hatte. Sie zog vor Gericht und versuchte, ihre Rechte einzuklagen. Ihrer Zukunft im Plattengeschäft war das alles andere als förderlich. Ein letztes Projekt konnte sie jedoch noch in die Tat umsetzen: ihre einzige Jazz-Langspielplatte „It’s Allright With Me“.

„Nun begann für mich eine schwere Zeit. Man feierte mich, setzte mich auf ein Podest, von demich nicht weichen durfte. Und von nun an stand ich ständig unter Leistungszwang. Ich hatte immer Angst, die Erwartungen anderer nicht erfüllen zu können oder ausgenutzt zu werden. Ich, die von Kindheit an eine Einzelgängerin war, wurde plötzlich zu Partys eingeladen und herumgereicht. Die Verlogenheit der Gesellschaft fiel mir auf und ich äußerte mich entsprechend, was ich von ihr hielt, vor allem unter Alkoholeinfluß. Das machte mich bei vielen unbeliebt. Man wollte mich irgendwie hinbiegen und in Richtungen führen, die mir gar nicht lagen und dadurch war meine Reaktion natürlich manchmal ganz verkehrt. Wenn ich mich nicht mehr auszudrücken wusste, dann habe ich einfach angefangen zu brüllen und bin aggressiv geworden, obwohl ich mich im Wesentlichen eher als einen weichen Menschen bezeichnen würde. Ich hatte große künstlerische Erfolge, doch der finanzielle Erfolg blieb aus. Wer im Geschäft bleiben will, muss so tun, als ob er ‚in‘ ist. Dabei wusste ich manchmal nicht, woher ich die Miete nehmen sollte.“

In den kommenden Jahren schuf sich Inge Brandenburg als Schauspielerin auf deutschen Theaterbühnen und im Fernsehen ein zweites Standbein. Sie spielte in Antikriegsdramen wie z.B. in George Taboris „Pinkville“, aber auch in „Macbeth“ am Berliner Schillertheater mit. Doch es gelang ihr nicht, an den großen Erfolg der frühen Jahre anzuknüpfen. Die Zeiten hatten sich geändert. Musikboxen vertrieben Live-Musik aus den Lokalen. Rock ’n’ Roll und Beat lockten das Publikum aus den Jazz-Clubs in die großen Konzertarenen. Inge Brandenburgs musikalische Auftritte in kleineren Sälen und Kirchen wurden immer seltener.

Die Negativschlagzeilen über Prügeleien, Alkoholexzesse und andere Peinlichkeiten nahmen indessen zu. Eine handgreifliche Auseinandersetzung mit wüsten Beschimpfungen führte schließlich dazu, dass man sie in Handschellen abführte und die Staatsanwaltschaft ein psychologisches Gutachten durch einen Rechtsmediziner beantragte.

1976 sang Inge Brandenburg noch einmal auf dem 15. Deutschen Jazzfestival in Frankfurt. Es sollte mit „Glory Hallelujah“ ihr letzter Fernsehauftritt als Jazzsängerin sein. Danach zog sie sich vorerst vollständig aus der Szene zurück. Ihre Alkoholprobleme, mangelnde Motivation und eine komplizierte Stimmbandoperation beschleunigten den gesellschaftlichen Abstieg. Sie bezog Sozialhilfe und führte gegen ein Taschengeld die Hunde ihrer Nachbarn aus. In den letzten Jahren ihres Lebens besiegte sie Alkohol und Depressionen, sie war wieder voller Hoffnung. In nächtelangen Telefonaten erklärte sie ihren wenigen Freunden und einstigen Kollegen:

„Ich bin traurig, wenn ich sehe, Mensch verdammt noch mal, du hast doch dein ganzes Können; eigentlich ist es gar nicht richtig ausgenutzt worden. Ich hatte immer das Gefühl, verdammt, da ist noch viel mehr in mir drin, das muss rausgeholt werden, ich kann es nicht allein schaffen. Und das hat mich manchmal sehr traurig gemacht, auch ein bisserl verbittert.“

1995 wagte sich Inge Brandenburg mit klarer Stimme und leuchtenden Augen noch einmal zu einem Comeback auf die Bühne des Bayerischen Hofs in München. Doch von den alten Fans waren nur noch wenige gekommen. Trotz hervorragender Kritiken beschränkte sich ihr verzweifelter Versuch, in die Öffentlichkeit zurückzukehren, auf wenige Auftritte.

„Die Jahre gehen dahin und da sprießt ein junges Ding hoch und da und da. Und ist oben. Inzwischen macht es mich nicht mehr traurig, ich sage, lass sie doch, wie sie kommen, so verschwinden sie auch wieder. Und ich habe Zeit, zu warten und zu reifen. Ich weiß ganz bestimmt, meine große Zeit kommt noch. Die kann auch niemand aufhalten.“

Am 23. Februar 1999 starb Inge Brandenburg in einem Schwabinger Krankenhaus fünf Tage nach ihrem 70. Geburtstag. An ihrem Armenbegräbnis nahmen nur sieben Trauernde teil.

 

 

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